Welche Rolle spielen Sparziele gegenüber technischen Lösungen? Ein Überblick über die Studien...

Klimapfade-Studie BDI/BCG: Einsparziele spielen in vielen Sektoren eine untergeordnete Rolle.

„Viele Länder setzen sich jetzt Ziele für die Kohlenstoffneutralität, und es ist zu hoffen, dass die Verpflichtungen auf der COP26 drastisch zunehmen werden", erklärte der Generalsekretär der UN-Klimaorganisation WMO Prof. Petteri Taalas kurz vor der Weltklimakonferenz in Glasgow im Zusammenhang mit dem soeben vorgestellten Treibhausgasreport der WMO, der neue Höchststände berichtete. Er forderte, die Industrie, den Energiesektor, den Verkehr und unsere gesamte Lebensweise neu zu überdenken.

Zahlreiche häufig zitierte Studien zu den möglichen Zielerreichungspfaden in Deutschland konzentrieren sich  – im Rahmen der Gutachtenaufträge - auf technische Umstellungen in Deutschland, beispielsweise in der Antriebstechnologie bei Fahrzeugen, der Brennstoffwahl bei industriellen Prozessen, der Stromerzeugung oder bei der Abscheidung / Speicherung von Treibhausgasen. Die unter dem Begriff „Lebensweise“ subsummierten erforderlichen gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen und ihre Effekte im Zusammenhang mit den Klimawandel bzw. den Einsparzielen spielen untergeordnete Rollen.

So führt die entsprechende Studie "Klimaneutrales Deutschland 2045" von Prognos, Öko-Institut und Wuppertal-Institut dazu aus: „Es werden in der Studie keine weitergehenden Verhaltensänderungen in Form von Konsumeinschränkungen unterstellt. Allerdings werden heute erkennbare Trends zu Konsumänderungen stärker berücksichtigt, zum Beispiel beim Markthochlauf von Fleisch- und Milch-Alternativen und synthetischem Fleisch. Klimaneutralität 2045 kann unter Beibehaltung der zugrunde gelegten Rahmenbedingungen zur demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland erreicht werden“.

Die "Klimapfade-Studie 2.0" (Boston Consulting Group)  führt in diesem Zusammenhang zum Sektor Verkehr an: „Zur Erreichung des deutschen Klimaschutzzieles im Jahr 2030 decken grüne Kraftstoffe im nationalen Zielpfad 22 Prozent des dann verbleibenden Kraftstoffbedarfs ab – davon alleine 10 Prozent (3 Mt) durch synthetische Kraftstoffe. Trotz einer Erhöhung der Schienenverkehrsleistung um durchschnittlich 60 Prozent, einer Umsetzung der hohen nationalen RED-II- Vorgaben sowie einer weitgehenden Elektrifizierung der Pkw- und Lkw-Neufahrzeugflotten verbleibt im Jahr 2030 eine erhebliche CO2-Lücke zum deutschen Sektorziel. Um diese Lücke zu schließen und die Bestandsflotte zu adressieren, werden im Zielpfad bereits im Jahr 2030 über 35 TWh (3 Mt) synthetischer Kraftstoffe importiert, die zur Erreichung der nationalen Verkehrsziele vor allem im Straßenverkehr eingesetzt werden müssen. (…) Auch bei zunehmender Elektrifizierung im Straßenverkehr steigt die nach 2030 benötigte Menge an synthetischen Kraftstoffen kontinuierlich an – insbesondere durch die Verwendung im internationalen See- und Luftverkehr (0,25 Mt in 2030, 8 Mt in 2045)“.

Auch in der bisher breitesten Zielpfade-Studie mit verschiedenen technologischen Szenarien zur Erreichung der gesetzlichen Klimaziele, dem "Ariadne-Report", wird in den Berechnungen in den meisten Szenarien nicht von grundlegenden strukturellen gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Änderungen im Zuge des Klimawandels bzw. der Klimapolitik ausgegangen, sondern ebenfalls eher von technischen Transformationen. Hier werden aber die entsprechenden offenen Fragen bzw. umfassenden Lücken dieser Ansätze benannt und diskutiert. Zum weiteren Vorgehen schlagen die AutorInnen daher eine Erweiterung des Lösungsraums unabhängig von technischen Lösungen bzw. dem Untersuchungsrahmen der Studie vor: Weitere Szenarien sollten beispielsweise die Möglichkeiten und Grenzen einer stärker auf Energieeffizienz und Lebensstiländerungen ausgerichteten Klimaschutzstrategie beleuchten.

Claus Obermeier (Auszug Buchbeitrag, wurde vor Beginn des Ukrainekriegs fertiggestellt und aktualisiert).


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